29.4. – 29.4.2026, 18:00 Uhr,
Perfomance von Ewa Dziarnowska (work in progress)
, Stadthausgalerie Münster (hosted by Kunsthalle Münster)hell is other people (if you're lucky): Chloe Chignell, Ewa Dziarnowska, Dorota Gaweda + Eglė Kulbokaitė, Liina Magnea, Abdoul Karim Martens + Dominik Sartor, Sinaida Michalskaja, Alexandra Sheherazade Salem, Gaia Vincensini
, Stadthausgalerie Münster (hosted by Kunsthalle Münster)hell is other people (if you’re lucky), 2026, Raumansicht Stadthausgalerie
Credithell is other people (if you’re lucky) ist eine Gruppenausstellung und Performance-Reihe, die Öffentlichkeit als ein reibungsvolles Feld, in das Kunst affektiv und sensuell eingreift. Gezeigt werden neue beauftragte Installationen und Performances in der Stadthausgalerie Münster sowie eine Intervention im öffentlichen Raum.
hell is other people (if you’re lucky) wird kuratiert von Anneliese Ostertag und Antoine Simeão Schalk.
Die Kunsthalle Münster und Residence NRW⁺ präsentieren in der Stadthausgalerie hell is other people (if you’re lucky). Die Ausstellung versteht Öffentlichkeit als ein affektives Feld, das sich durch Begegnungen, Reibungen und Aushandlungen fortwährend wandelt und dabei immer wieder anders oder auch neu entsteht. Der Titel ist ein Zitat aus dem Buch The Inconvenience of Other People (2022) von der Kulturtheoretikerin Lauren Berlant (1957–2021) und verweist auf die Spannungen, die unser alltägliches Miteinander bedingen: gefragte oder ungefragte Blicke und Berührungen, Irritationen und Missverständnisse. Unaufhaltsam müssen wir das soziale Gefüge im öffentlichen Raum mit seinen Ge- und Verboten aushandeln und die allgegenwärtigen Appelle und Reglementierungen navigieren. Anstatt zu versuchen, die Reibungen zu neutralisieren und die Ungleichheiten zu auszublenden, lädt die Ausstellung dazu ein, mit ihnen zu verweilen und fragt nach den Potenzialen, nach den Denk- und Handlungsoptionen, die darin liegen mögen: Welche Beziehungen und kollektiven Imaginationen können unter diesen Bedingungen entstehen? Und welche Art öffentlichen Raum brauchen wir dafür?
Die Stadthausgalerie liegt im Innenhof des Rathauses, in Münsters Zentrum. Sie ist zugleich Wahlamt und Ausstellungsraum – ein hybrider Ort zwischen demokratischer Infrastruktur und Kunstpräsentation. Die installativen Arbeiten in der Ausstellung reflektieren die zunehmende Privatisierung und Kommodifizierung des öffentlichen Raums. Hinter der Glasfassade reflektieren Gaia Vincensinis Keramikarbeiten mit Ironie und Präzision das Merchandising der angrenzenden Geschäftsstraßen. Motive, wie Schlösser, Uhren, Kreuze und Ketten referieren auf Glaubens-, Finanz- und Schutzsysteme und rufen jene Stabilitätsversprechen hervor, auf denen kapitalistische Ordnungen und privatisierte öffentliche Räume beruhen.
Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė ergänzen mit ihren beiden Arbeiten Enclosure (Lower bound of a landscape) (2023) und Yield II (2021) die Stadthausgalerie um eine weitere semitransparente Architektur aus Begrenzungen und Reflexionen. Yield greift das Design eines, in den ehemaligen Ostblockländern beliebten Kosmetikspiegels auf, bei dem stilisierte gelbe Kunststoffblütenblätter eine runde Spiegelfläche umgeben. In glänzender Edelstahloptik und absurd überdimensioniert wirkt das Objekt wie ein harmloses Kinderspielzeug. Aber lässt es nicht auch sonderbar an eine getarnte Überwachungskamera denken? Dabei hängt ihr Blick letztlich von der Bewegung der Besucher:innen ab, womöglich nur um diese mit ihrem eigenen Spiegelbild zu konfrontieren. Mit Enclosure, einer Installation, die aus mehreren digital bedruckten Chiffon-Panels besteht, verweisen die beiden Künstlerinnen auf die historische Einhegung und Privatisierung von Land. Die vage zu erkennenden Darstellungen auf den Panels verlieren und gewinnen je nach Blickwinkel an Sättigung. Als durchsichtige Membran hybrider Bilder gewinnen sie im Raum Gestalt und betonen darin die Relationalität von Körpern.
Alexandra Sheherazade Salem entwickelt für die Ausstellung einen poetischen Beitrag, der sich mit Text und Geruch in den Raum einschreibt, sich darin ausbreitet und die Vorstellung eines autonomen Körpers als Fiktion entlarvt. Für ihre Arbeit greift sie auf Praktiken der spirituellen Reinigung und Ausräucherung zurück und fragt nach Formen des Wachstums jenseits von Fortschrittsparadigmen. Durch den Einsatz von Rosmarinzweigen führt sie ein organisches Material in die Ausstellung ein, das während der Laufzeit abstirbt und vertrocknet. Dadurch entzieht sich die Arbeit Logiken der Konservierung, Zirkulation und Wertsteigerung und fokussiert stattdessen auf Formen der Veränderung, Vergänglichkeit und des Entzugs.
Im Dialog mit dem Raum und seiner Funktionalität als Wahlamt erinnert Sinaida Michalskajas großformatige Arbeit HANNAH (Deutsche Wärme) auf die Bedeutung zivilgesellschaftlichen Engagements. Die Arbeit besteht aus vier großen, gespannten, Jacquard-gewebten Wandteppichen, die jeweils einen anderen Ausschnitt der politischen Theoretikerin Hannah Arendt (1906–1975) zeigen. Sie basieren auf einem Schwarz-Weiß-Porträt, das Barbara Niggl Radloff beim ersten Kulturkritikerkongress 1958 in München von Arendt aufnahm. Die Außenkanten der Teppiche sind jeweils mit einer der Farben der deutschen Flagge eingefasst und treten so sinnfällig in Beziehung zu den im Bodenbelag der Stadthausgalerie eingelassenen Wappenfarben der Stadt Münster. In der Auseinandersetzung mit Arendts politischem Denken erinnert die Arbeit an den notwendigen Widerstand gegen autoritäre Tendenzen und die Behauptung von Öffentlichkeit und Pluralität. Mit der Videoarbeit SOPHIE widmet sich Michalskaja einer weiteren Person des öffentlichen Lebens, der transfeministischen Elektropop-Musikerin SOPHIE. Ausgehend von dem Track Forever überführt die Arbeit die Lyrics in eine stille, visuelle Rhythmik und rückt den Kampf um körperliche Selbstbestimmung in den Fokus.
Mit vier performativen Arbeiten erweitert die Ausstellung den Raum für Erzählungen bewegter Körper und temporärer Zusammenkünfte. Ewa Dziarnowska lädt mit ihrer choreografischen Praxis dazu ein, sich von festen Bedeutungen und klaren Narrativen zu verabschieden. Stattdessen schlägt sie ein intuitives Sehen vor, das Empfindung und Aufmerksamkeit gegenüber Interpretation und Verstehen präferiert. Gemeinsam mit den Tänzer:innen kiana rezvani und Sunayana Shetty sucht sie nach „Momenten“, die sich Fortschritt und Linearität entziehen und Zeit stattdessen als Kairos begreifen: als einen verdichteten Augenblick, in dem für kurze Zeit ein Möglichkeitsraum entsteht. Chloe Chignells Durational Performance SUN CUT: a lover’s dictionary aktiviert die 366 Einträge von Lesbian Peoples: Materials for a Dictionary (1979) von Monique Wittig und Sandie Zeig. Wort für Wort, Konzept für Konzept erscheint Sprache in der Performance als etwas Materielles, das zwischen Körpern geschieht und offen für Veränderung, Wiederholung und Spekulation ist. Aufbauend auf Wittigs und Zeigs Kritik der sprachlichen Autorität nähert sich SUN CUT dem Wörterbuch nicht nur als Text, sondern als Praxis zur Neugestaltung von Beziehungen, Bewegungen und kollektiver Präsenz. In SSASSIN’S CREED (LADY SAYS STOP) taucht Liina Magnea mit Humor und einem assoziativen Redefluss ein in die Abgründe menschlichen Verhaltens. In der Figur einer Polizeibeamtin verkörpert sie institutionelle Autorität und richtet den Blick auf Momente, in denen vermeintlich selbstverständliche Macht und gesellschaftlicher Status erschüttert werden. Zwischen Opferfantasie und Größenwahnsinn entfaltet sie das Porträt einer verunsicherten Figur, deren Glaube an Ordnung und Sicherheit brüchig geworden ist – und stellt zugleich Fragen nach Formen von Gewalt und politischer Radikalisierung. Mit der Arbeit dérivedérive von Abdoul Karim Martens und Dominik Sartor verlässt hell is other people (if you’re lucky) den Ausstellungsraum und behauptet das Recht auf Teilhabe an der Stadt. Die Intervention findet jeweils für einen Tag am Innenhafen von Münster, in Nachbarschaft des Speichers II, sowie an den Ackerparzellen des Hoppengartens statt. An einer frei stehenden, mobilen weißen Wand zeigen die Künstler ihre Arbeiten und verschieben dadurch gewohnte Blickachsen, Wege und Nutzungen des öffentlichen Raums. Mit Bezug auf die von Guy Debord (1931–1994) formulierte Kulturtechnik der dérive — dem absichtslosen Umherschweifen an einem Ort — widersetzt sich die Arbeit jeglicher Verwertungslogik und versteht die Stadt als ein Gefüge aus Atmosphären, Affekten und Begegnungen. In Münster erscheint die Arbeit erstmals im institutionellen Rahmen und kehrt das Prinzip des White Cube um: Während der Ausstellungsraum als Depot fungiert – die Wand sowie Verpackungs- und Malerutensilien ruhen auf einem Wagen in der Stadthausgalerie –, wird der Außenraum für die Präsentation der Arbeiten aktiviert. Am Morgen verlassen die Künstler die Stadthausgalerie, ziehen den Wagen durch die Stadt und errichten die Wand vor Ort. Am Abend bauen sie die Wand wieder ab und bringen sie zurück in die Stadthausgalerie.
Eine Kooperation mit:
Die Ausstellung wird gefördert durch:
Perfomance von Ewa Dziarnowska (work in progress)
, Stadthausgalerie Münster (hosted by Kunsthalle Münster)
Abdoul Karim Martens + Dominik Sartor: dérivedérive
, Stadthausgalerie Münster (hosted by Kunsthalle Münster)
Liina Magnea: SSASSINS CREED (LADY SAYS STOP)
, Stadthausgalerie Münster (hosted by Kunsthalle Münster)
Abdoul Karim Martens + Dominik Sartor: dérivedérive
, Stadthausgalerie Münster (hosted by Kunsthalle Münster)
Chloe Chignell: SUNCUT: a lover's dictionary
, Stadthausgalerie Münster (hosted by Kunsthalle Münster)